Renate Syed, Keynote Lecture: "Mann, Frau, Hijra. Indiens traditionelles Drei-Geschlechter-Modell und die heutigen Hijras"

Die Keynote Lecture findet statt am Donnerstag, den 20.10.2016 um 9.15; Technische Universität Chemnitz, Department of English

 

Im Gegensatz zu westlichen Kulturen konzipierte Indien bereits in ältester Zeit, d. h. ab ca. 1000 v. Chr., ein "Drei-Geschlechter-Modell". Der altindischen medizinischen Theorie zufolge waren alle drei Geschlechter, Mann, Frau, Hijra, biologisch determiniert; die Geschlechtszugehörigkeit galt als erworben und unabänderlich. Die juristischen, philosophischen und gesellschaftlichen Diskurse gingen dementsprechend von drei sozialen Geschlechtern aus und wiesen ihnen jeweils besondere Pflichten, Rechte und Lebensräume zu. Angehörige des dritten Geschlechts lebten zusammen in einem "dritten Raum"; die Sanskritquellen weisen darauf hin, dass sich Menschen, die dem strengen Männlichkeitsideal bzw. dem Weiblichkeitsmodell und ihren jeweiligen Rollen nicht folgen wollten oder konnten, hier zusammenfanden.

Trotz einer generellen Akzeptanz des dritten Geschlechts als biologischem Faktum gab es jedoch auch Diskriminirung und Verurteilung. Die heutigen Hijras Indiens (und Pakistans) sind Erb/Innen dieser drei Jahrtausende alten Kultur, die eigene Identitätsmodelle und Lebensformen, besondere Konzepte von Körper, Ästhetik und Sexualität, eigene Traditionen, Riten und Zeremonien, sowie eine eigene Religion geschaffen hat. Nachdem die indische Verfassung von 1950 dem Vorbild der britischen Kolonialmacht entsprechend das westliche Zwei-Geschlechter-Modell aufnahm, gelang es den Hijras jüngst, ihr drittes Geschlecht wieder juristisch zu verankern: Seit 2010 gibt es in Indien (und in Pakistan) der südasiatischen Tradition entsprechend juristisch wieder drei Geschlechter, "male", "female", und "other", wobei der letzte Begriff bewusst offen gehalten wurde, um der Vielfalt der "dritten Geschlechts", in dem sich Menschen ganz unterschiedlichern Selbstverständnisses finden, gerecht zu werden.

 

Mishima Yukio

Arthur Schopenhauer