Artikel 4: Von heiligen Kühen und verhätschelten Hunden. Oder: Wie aufgeklärt sind jene, die Indien für unaufgeklärt halten?

Von heiligen Kühen und verhätschelten Hunden

 

Oder: Wie aufgeklärt sind jene, die Indien für unaufgeklärt halten?

 

Eine Polemik

von Renate Syed

 

In diesen Tagen berichtet die deutsche Presse verwundert bis ironisch von dem Verbot der Rinderschlachtung, "beef-ban", im indischen Bundesstaat Maharashtra und in Mumbai. Das Gesetz namens "The Maharashtra Animal Preservation Bill", das die Schlachtung von Rindern, das Angebot und den Verzehr ihres Fleisches unter Strafe stellt, wurde vor Jahren verabschiedet, trat aber erst jetzt in Kraft.

 

Erwartungsgemäß wurde das Gesetz unterschiedlich aufgenommen. Während viele Hindus (82% der Inder sind Hindus) das Gesetz begrüßten, wurde es von den Muslimen (13%) und Christen (2%), aber auch von westlich orientierten Indern, darunter Hindus, kritisiert: Indien sei ein säkularer Staat, der seinen Bürgern ihre Nahrung nicht vorzuschreiben habe. Außerdem koste die Schließung der Schlachthäuser (von denen ein großer Teil illegal betrieben wird) viele Arbeitsplätze, Restaurants müssten schließen und die Alternativen zum Rindfleisch, also Huhn, Lamm oder Ziege seien teuer. Indische Frauen äußerten sich unter dem hashtag #BeefBan erbost bis sarkastisch darüber, dass Kühe in Indien ein höheres Ansehen und einen besseren Schutz genössen als Frauen und Mädchen und sich anders als diese nachts unbehelligt in den Straßen bewegen könnten. Eine Sichtung der Twitter-Beiträge zeigte, dass viele Inder und Inderinnen das Gesetz nicht aus religiösen Gründen, sondern wegen des Tierschutzes unterstützen. Kann Tradition also fortschrittlich sein? Offenkundig ja.

 

Obwohl Indien ein säkularer Staat ist, hat es den Schutz der Kuh (Bos primigenius indicus ), die seit dreitausend Jahren verehrt wird und bereits im Veda als aghnyā, "untötbar", galt, in der Verfassung verankert. In Art. 48 heißt es: "The State shall ... take steps for preserving and improving the breeds, and prohibiting the slaughter of cows and calves and other milk and draught cattle." 24 indische Bundesstaaten haben Regulierungen und Verbote hinsichtlich des Schlachtens von Kühen. Nicht unter Schutz steht hingegen der Büffel (Bubalus), weder das weibliche noch das männliche Tier gilt als heilig. Das "Rindfleisch", das Indien exportiert, ist Büffelfleisch, das vornehmlich, aber nicht nur, von Muslimen und Christen erzeugt wird.

 

Weitgehend unbeachtet bleibt in der deutschen Berichterstattung, dass die überwiegende Mehrheit jener Hindus, die Rindfleisch verschmähen, auch andere Tiere nicht verzehren, sondern Vegetarier sind. Bekanntlich entwickelten die indische Philosophie und die Religion vor mehr als 2500 Jahren das Konzept der ahimsaa, des "Nichtverletzens" von Lebewesen, das auch Tiere einschließt. Diese Haltung ist konsequent, während ein großer Teil der deutschen Tierliebhaber dies nicht ist: Katze und Hund mögen als geliebte Wesen unantastbar sein, auf den Kalbsbraten oder die Lammkeule verzichtet man nicht, auch, weil Kalb und Lamm von anderen Personen getötet wurden und man in dem Stück Fleisch auf dem Teller das Tier nicht mehr erkennt.

 

Die Heiligkeit der Kuh wird heute, in Indien wie außerhalb, fast ausschließlich als ein religiöses Phänomen verstanden, das in der Mythologie begründet ist; tatsächlich aber hatte der Schutz vor allem des weiblichen Rindes ökonomische und ökologische Ursachen. Der Anthropologe Marvin Harris hat überzeugend dargelegt, dass im brennstoffarmen und von Hungersnöten geplagten alten Indien das lebende Rind gegenüber dem wegen seines Fleisches getöteten Tieres einen immensen Vorteil bot: Es lieferte Milch und damit Butter und Sauermilch, vor allem aber Dung, der als Brennmaterial und Düngemittel unverzichtbar war. Die Genügsamkeit und Friedlichkeit des vegetarischen (!) Tieres machte seine Haltung leicht, somit war es klüger, das lebende Tier zu nutzen. Derartige Gründe verwoben sich mit religiösen Motiven, schließlich galt die Kuh schon in den Veden als "Mutter", die gibt, ohne zu fordern. Die Kuh der vedischen Rindernomaden war das Vorbild für die "Kamadhenu", "Wunschkuh", genannte Göttin. (An dieser Stelle sei vermerkt, dass alle Tiere, die in Indien verehrt werden, das Rind, der Elefant, der Affe, die Maus, Vegetarier sind, und dass jagende und/oder fleischfressende Tiere wie der Hund, die Katze oder das Schwein, abgelehnt werden.) Eine Kultur kann ein tabuisiertes Tier meiden und für unberührbar erklären, wie es dem als hässlich und gierig angesehenen Schwein in der jüdischen und islamischen Kultur widerfuhr oder es einschließen und für "heilig" erklären, wie es der Kuh in Indien geschah. Und dem Hund in Deutschland: beide Tiere, Rind und Hund, gelten in ihrer jeweiligen Kultur als schön, liebenswert, unantastbar und "ungenießbar". Die Kuh ist wie die Mehrzahl ihrer Verehrer eine meditative Vegetarierin, die in Deutschland so geliebten Hunde sind wie ihre Besitzer nervöse Karnivoren. Liebt der Mensch also das ihm Verwandte bzw. macht er das (vermeintlich) Ähnliche zum Gegenüber?

 

Deutschen Rindfleischverzehrern (8,6 kg pro Kopf und Jahr; Fleischverzehr insgesamt: 61 kg, davon 39,2 kg Schwein) mag die indische Heiligsprechung der Kuh archaisch und rückständig erscheinen und das Zeichen einer Verhaftung in Mythos und Tradition sein, doch eigentlich dürfte uns ihr Schutz durch das Gesetz nicht verwundern, denn auch wir haben, ohne sie so zu benennen, unantastbare Tiere: Man stelle sich vor, Hundefleisch würde bei uns zu Delikatesse und das Schlachten von Hunden werde erlaubt und institutionalisiert, in Zucht und Käfighaltung. Was geschähe dann? Und was, wenn Hunde- und Katzenfelle (nicht Haare!) zu Mänteln und Decken verarbeitet würden? Wenn Damen sich statt Fuchsstolen solche aus Katzen um die Schultern legten, mit Kopf und Schwanz? Oder man stelle sich vor, in der Tiefkühllasagne eines Discounters wäre nicht Pferde- sondern Katzenfleisch entdeckt worden…    

 

In seiner Ausgabe vom 12.3.2015 titelte der Stern "Tierische Liebe" und zeigte einen Mops mit Goldkrönchen, auf einem roten Samtkissen thronend. Der Untertitel lautete: "Sie werden hofiert und verwöhnt. Haustiere sind Partner, Kind und Chef. Und wir geben Milliarden für sie aus. Sind wir noch normal?" Offenkundig nicht: "Neun Milliarden Euro Umsatz haben die deutschen Heimtierhalter im vergangenen Jahr in die Wirtschaft gespült." (Stern, S. 61) Indische Kühe hingegen kosten nichts bis wenig, sondern leben ohne Stall und Pflege und geben wie einst Milch, Dung und Urin (der in Indien vielfältig, auch medizinisch genutzt wird). "52% der Katzen und Hunde sind übergewichtig. Ähnlich wie ihre Herrchen." (Stern, S. 58) Ein nicht geringer Teil indischer Kinder ist unterernährt. Auch Kühe sind in Indien, trotz Heiligkeit, oft erbärmlich mager.

 

Auch der deutsche Hund kann, cum grano salis, "göttlich" sein: "Eine elegante Weimeranerin hieß sogar Helena. Und wenn die Göttliche auf Geheiß der Hundetrainerin durch eine Röhre krabbeln sollte und nicht wollte, schritt die Hundehalterin ein … Helena muss nur machen, was sie selbst machen will!" (Stern, S. 57) Und: "Karl Lagerfeld gab 2013 bekannt, er wolle seine Birma-Katze Choupette heiraten. Einen Twitter-Account hatte er ihr bereits einrichten lassen, ein Facebook-Profil ebenso. Choupette liest Post auf dem iPad, isst am Tisch und schläft in Chanel." (Ebenda) Dass unsere Haustiere emotional gebraucht und bisweilen sogar missbraucht werden (Hunde und Katzen "leben" in winzigen Appartements, Vögel und von Kindern malträtierte Hamster und Meerschweinchen in Käfigen, Fische in Aquarien, Hunde tragen Mäntelchen und werden in Täschchen herumgeschleppt), kommt keinem Tierhalter in den Sinn. Die indische Kuh ist namenlos, das deutsche Tier wird zum "Du", das einen Menschennamen trägt, die indische Kuh ist seit Jahrtausenden die gleiche geblieben, der Hund durch Züchtungen dem Bedürfnis des Menschen entsprechend geformt und nicht selten absurd verformt. Die Kuh ist Symbol in Distanz, das Haustier ein Partner in Intimität und Enge.

 

Die religiöse Projektion auf eine Kuh mag uns befremdlich und absurd erscheinen (wir sprechen von einer "heiligen Kuh", wenn ein Faktum nicht benannt werden darf und ein Problem tabuisiert wird, wenn also Verschleierung und Unvernunft herrschen), die emotionale Projektion auf unser Haustier, vor allem aber seine Vermenschlichung erscheint aus distanzierter Sicht nicht minder absurd. So dichtete Hans Traxler über eine Einsame, die ihre Katze füttert: Wenn mich auch kein Typ mehr mag, so liebt mich doch mein Tierchen. Du irrst, mein Kind, sie meint nicht Dich, sie meint nur Deine Nierchen. Überschrieben ist das böse Bildgedicht mit dem Titel Das Schaf und das Kätzchen. (In: Ich, Gott und die Welt. Stuttgart 2010, S. 90ff.) Traxler dichtete auch: Die Hindus glauben, unter anderm, daran, daß ihre Seelen wandern. So wacht nach seinem Lebenslauf, Herr Singh als Zebu wieder auf. S. 9) und hatte Recht: Gewaltlosigkeit und Vegetarismus beruhen unter anderem (nicht allein) auf der Vorstellung, der Mensch könne als Tier und dieses als Mensch wiedergeboren werden.

 

Vereinfacht gesagt, bringt der Hindu der Kuh Respekt entgegen, der Deutsche seinem Hund das, was man gemeinhin "Liebe" nennt. Respekt erschafft und erträgt Distanz, Liebe fordert und will Nähe. Respekt fördert Freiheit, die Liebe bedingt Bindung und Unfreiheit. Respekt erhebt beide, den, der ihn schenkt und den, der ihn bekommt, die Liebe aber endet fürher oder später im Schmerz, wie jeder weiß, der Liebeskummer erleben oder den Tod eines geliebten Wesens, Mensch oder Tier, erleiden musste. Respekt ist duldsam, Liebe invasiv.

 

Besonders bedenklich aber erscheint ein anderer "blinder Fleck" in unserer Gesellschaft: Wie kann man Tiere, etwa Lämmer, Kälber und Hasen seelenruhig verspeisen, wenn Tiere doch, wie so oft behauptet wird, eine "Seele" haben? Müsste ihre Tötung allein um ihres Fleisches willen nicht eine Sünde sein? Auf die im Spiegel vom 4.4.2015 gestellte Frage, ob Tiere, auch ein Wurm, eine Seele haben, antwortete ein katholischer Priester, der gleichzeitig Biologe und Leiter des Instituts für Theologische Zoologie (?!) in Münster ist: "Wenn Seele Ausdruck ist für das unauslotbare Rätsel unserer Existenz, dann sind alle Tiere voll (sic) Seele. Für den Wurm gilt das unbedingt." Und: "Erst durch die Aufklärung kam uns dieses Wissen abhanden." (S. 56) Von jemandem, der so etwas sagt, sollte man im Namen der geschmähten Aufklärung verlangen dürfen, dass er nicht nur Vegetarier, sondern auch Veganer ist, müsste er doch das Seelenleid der Kühe, die in der Milchproduktion geschunden werden, mindern wollen. Und man kann erwarten, dass er keine Eier isst, angesichts der Millionen geschredderter Hähnchen, die auch "voll Seele" sind. Welcher westliche Mensch kann sich angesichts der Behauptung einer Seele im Wurm noch über Indiens jinistische Mönche und Nonnen wundern, die ein Tuch vor dem Mund tragen, um kein Insekt zu verschlucken und den Boden vor ihren Schritten fegen, um kein Würmchen zu zertreten. Sie sind konsequent.  

 

Wir nennen das Fremde, das uns unnatürlich erscheint, "Mythologie" oder "Aberglauben" und belächeln es, das Eigene aber wird ernst genommen und erscheint uns natürlich und selbstverständlich, so absurd es auch Fremden vorkommen mag; dem eigenen Mythos gegenüber sind wir blind und kritiklos. Mythologie gilt als das Gegenteil von Aufklärung und ein geläufiger Topos lautet, die "Aufklärung" sei eine Errungenschaft Europas und anderen Kulturen unbekannt. Auffällig ist hierbei, dass die Behauptung, Indien (man kann auch den "Orient" etc. anführen) habe keine Aufklärung gehabt, meist nicht das Ergebnis eigener Forschungen und Erkenntnisse ist, sondern als allgemeingültige und nicht hinterfragte Aussage formuliert wird.

 

Sind die Inder also in der Dunkelheit der Tradition und damit in Mythologie und Unvernunft gefangen? Gab und gibt es das philosophische Konzept der "Aufklärung", die für Fortschritt, Modernität und Vernunft steht, in Indien nicht? Und was ist gemeint, wenn von "Aufklärung" als kultureller Errungenschaft des Westens gesprochen wird? Aufklärung ist bekanntlich nach Immanuel Kant "der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen." Der "andere" ist, modern gesprochen, der gängige Diskurs, von den Medien verbreitet, allenthalben gehört, unwidersprochen hingenommen, gedankenlos wiederholt.

 

Die Inder kannten die Aufklärung sehr wohl und dies schon in den Upanischaden um 800 v. Chr., wo sie auf Vedisch bodhi, vijnaana und moksha genannt und als Ergebnis individueller Bemühung, tapas, beschrieben wird. Es ist bemerkenswert, dass man diese indischen Wörter meist mit "enlightenment" übersetzt, womit auch die europäische "Aufklärung" bezeichnet wird. Im Deutschen werden vijnaana und moksha meist als "Erleuchtung" wiedergegeben und dieser Begriff ist heute weltweit in (fast) aller Munde, vor allem dort, wo Yoga geübt und Indien rezipiert wird. Tatsächlich ist der alte indische Yoga, wie er in den Upanischaden und in Patanjalis Sutren formuliert ist, die körperliche Praxis der Kontrolle und Konzentration, um Erleuchtung, Erhellung, Erlösung, und eben, Aufklärung, zu erlangen. Der Sanskritbegriff für die "Unmündigkeit" ist avidyaa, selbstverschuldet ist diese, weil der Mensch, von Illusion, maayaa, und Unvernunft, moha, verblendet, die Wahrheit, satya, nicht zu sehen vermag oder nicht sehen will, sondern sich behaglich einrichtet in weltlichem Lug und Trug und durch Identifikationen, abhinivesha, und Bindung an die Welt und ihre Objekte, sanga, darin verharrt. Es ist so bequem, unmündig zu sein, sagt Kant. Nach der Samkhyaphilosophie, der theoretischen Grundlage des Yoga, ist die gesamte Materie einschließlich des Menschen und seiner Psyche von drei Elementen bestimmt: sattva (weiß, klar, erhellend), rajas (rot, bewegt, leidenschaftlich) und tamas (schwarz, träge und verdunkelnd). Der Yoga ist die Praxis, mit welcher der Mensch seinen Schatten, seine dunkle Seite (tamas), erkennen, analysieren und überwinden kann, das Leidenschaftliche und Treibende (Schopenhauer nannte es "den Willen", die Inder rajas) in sich zähmen und beruhigen und die Vernunft (buddhi, sattva) stärken und pflegen kann. Grundlage für diese Praxis sind ein moralisches Verhalten, die Pflege des Intellekts und die Anwendung der Vernunft. Sehr früh arbeiten die Inder bei ihrer Konzeption der Erleuchtung oder "Aufklärung" mit den Metaphern von Licht, Schatten und Dunkel.

 

Wo Dunkelheit, tamas, ist, soll Licht, sattva, werden, heißt es in den Upanischaden, und 2500 Jahre später sagt Sigmund Freud nichts Neues: Wo Es ist, soll Ich werden, und gemeint ist, in Varanasi wie in Wien: Wo dunkle, animalische Triebhaftigkeit, moha, und den Menschen knechtende Unwissenheit, avidyaa, herrschen, kann Disziplin, tapas, geübt und Erkenntnis, vijnaana, und Freiheit, moksha oder asanga, gewonnen werden. Die Vernunft, Sanskrit buddhi, ist das Mittel, den Verstand, manas, und die Ichhaftigkeit (den Egoismus), ahamkaara, zu beherrschen. Das Ziel war dasselbe, der Weg ähnlich: In Indien lernte man vom guru, übte stillsitzend Yoga und Meditation, in Europa folgte man Freud oder seinen Schülern und legte sich aufs Sofa.

 

Die Inder betonten in den Upanischaden, den Samkhyakarikas, den Yogasutren und in der Bhagavadgita stets, dass die Erkenntnis und die Befreiung aus der Kette der Wiedergeburten nur individuell erworben werden kann und Kant sah es ebenso. "Aufklärung" oder "Erleuchtung" ist somit nicht etwas, das wir durch unsere Geburt in der mitteleuropäischen Zivilisation mit der Muttermilch aufsaugen und besitzen, über das wir leicht und frei verfügen können. Aufklärung ist das Ergebnis eines zähen Ringens mit und um sich selbst, nur der Einzelne kann aufgeklärt sein, nicht die Gesellschaft. Wie sonst konnte es im Lande Kants, Hegels, Schopenhauers und Lessings zum größten "Zivilisationsbruch" (Dan Diner) der Geschichte kommen, zur Shoah? Wo war die abendländische Aufklärung, wo das Licht der Erkenntnis und der Freiheit, als die Transporte nach Auschwitz gingen und im Vernichtungslager Sobibór täglich tausend Menschen in die Gaskammern getrieben wurden? Wurde nicht das Volk der Dichter und Denker samt seinen Intellektuellen, Juristen, Ärzten, Pastoren und Adeligen, zum Volk der "Richter und Henker", wie dies Karl Kraus schon 1932 formulierte? Indien, das aus eurozentrischer Sicht so oft als "unaufgeklärte" Kultur beschrieben wird, hat ein derartiges Verbrechen und selbst geringere historische Schuld nicht zu verantworten.

 

Nicht nur Muslime und Christen, auch westlich beeinflusste, meist jüngere Hindus lehnen den "beef-ban" ab und das ist ihr gutes Recht in einem säkularen und demokratischen Staat. Allerdings erlaubt sich die Autorin dieser Polemik, der es nicht zusteht, Inder und Inderinnen zu kritisieren, die Frage, ob Rindfleischgenuss ein Gewinn oder Wert sein kann. Ist es gesund? Ist die Ökobilanz der Rinderzucht nicht verheerend? Wie kann man das Leid der Tiere übersehen? Wie kann man den Schoßhund hätscheln, wenn man weiß, dass Kälber getötet werden ohne jemals das Tageslicht erblickt zu haben? Wie konnte es kommen, dass der Verzehr von westlichem Fastfood und Burgern in Indien ein Element des scheinbar modernen und westlichen "lifestyle" einer reichen städtischen Minderheit geworden ist? Während in westlichen Ländern eine gebildete, urbane Schicht zunehmend den Vegetarismus oder gar den Veganismus pflegt, Tierschutz betreibt und im indischen Restaurant "vegetarisch" bestellt, betrachtet es die vergleichbare Schicht in Indien (jung, urban, gebildet, "modern") als chic und cool, für teures Geld amerikanisches Fastfood zu verzehren und das Recht auf "beef" einzufordern.

 

Aus dem Westen kam für Indien selten Gutes. Respekt für die indische Kultur und Religion fehlt nicht nur internationalen Konzernen, die ihre wirtschaftlichen Interessen im Namen der Gewinnmaximierung rücksichtslos durchsetzen, Land rauben und die Armut der Bauern verstärken, Respekt fehlte schon den britischen Kolonialisten. So ließ Robert Clive, Gouverneur von Bengalen, 1760 in Kalkutta das erste Schlachthaus auf indischem Boden errichten und täglich unzählige Rinder schlachten; die Briten wollten auch in ihrer Kolonie nicht auf "beef" verzichten. Die Briten sprachen oft davon, es sei ihre Aufgabe, dem dunklen Indien, das in Primitivität und Apathie verharre, die strahlende Zivilisation zu bringen; die Errichtung eines Schlachthauses in einem Land, dessen Bevölkerung zum großen Teil aus Vegetariern bestand, galt ihnen offenkundig als kulturelle Errungenschaft. Da versteht man Mahatma Gandhi, der auf die Frage, was er von der britischen Kultur halte, antwortete: "I think, it would be a good idea!"

 

Wie aufgeklärt sind also jene, die Indien für unaufgeklärt halten, weil es an scheinbar archaischen Traditionen festhält, die wir angeblich überwunden haben? Sie sind unaufgeklärt, weil sie Gängiges wiederholen, ohne selbst zu denken. „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt u.s.w. so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen“, schrieb Kant.

 

  

 

 

Mishima Yukio

Arthur Schopenhauer