Artikel 3: Frauen in Indien: Gesetze, Wunsch und Wirklichkeit

Frauen in Indien: Gesetze, Wunsch und Wirklichkeit

 

Renate Syed

 

Aus westlicher, auch aus deutscher Perspektive, gilt Indien als ein frauenfeindliches Land. Die deutsche Presse wird nicht müde, über Vergewaltigungen, Mitgiftmorde und die Abtreibung weiblicher Föten zu berichten. Dass es Gewalt gegen Mädchen und Frauen gibt, wird niemand leugnen, doch oft geht das Augenmaß verloren. Um dieses Augenmaß geht es im Folgenden.

Selbst die seriöse Presse spart nicht mit Übertreibungen; so erschien in der 2. Ausgabe der ZEIT des Jahres 2013 ein Artikel über Indien mit der Überschrift „Der Frauenmord“ und am 21.3.2013 hieß es in der ZEIT „Indien ermordet seine Frauen“; die Mittelbayerische Zeitung titelte am 31.12.2012 „Das Land der unerwünschten Töchter. Wo Gleichberechtigung eine Fremdwort ist“ und die Süddeutsche Zeitung stellte einen ganzen Subkontinent unter Generalverdacht: „Unterwegs im Schrecken“ (8.2.2013). Ein Artikel der ZEIT vom 12. Juni 2014 fragt: „Was ist los mit dem indischen Mann?“

Im Gegensatz zur Wissenschaft arbeitet der Journalismus gern und ausgiebig mit den Mitteln der Dramatisierung und Dämonisierung. Wer übertreibt, hat die Sympathie auf seiner Seite, ist Empörung über Missstände doch die Haltung guter Menschen. Wer hingegen Differenzierung und Mäßigung anmahnt, gilt schnell als Verharmloser, der das Elend leugnen will und sich verantwortungslos verhält; das Verstehen einer fremden Kultur unter Aufgabe eurozentrischer Maßstäbe, die kulturrelativistische Methode, gilt als verpönt.

 Augenmaß und Gelassenheit sind in der Debatte um „die indischen Frauen“ scheinbar ebenso wenig geduldet wie der Hinweis, Indien habe mehr als 1,2 Milliarden Menschen, von denen die Männer in der überwiegenden Mehrheit keine Täter und die Frauen mehrheitlich keine Opfer sind.[1] Die in einem Radiogespräch von der Autorin dieses Artikels gemachte Aussage, die Vergewaltigung einer Touristin sei angesichts der Millionen Besucherinnen, die Indien seit Jahrzehnten jährlich und auch im vergangenen Jahr bereisten, als „Einzelfall“ zu werten, rief Entrüstung hervor: „Wie könne man einen derart schlimmen Fall verharmlosen?“ Dabei ging es jedoch nicht um Verharmlosung, sondern um Fakten. Emotion erscheint  wichtiger als Faktizität.

Der aus der deutschen Presse zitierte Satz „Wo Gleichberechtigung ein Fremdwort ist“ ist nicht richtig. Gleichberechtigung ist in Indien kein Fremdwort, sondern durch die Verfassung von 1950 garantiert. Dass die gesetzlich garantierte Gleichberechtigung nicht immer und überall Realität ist, gilt für Indien durchaus, aber nicht nur für Indien. Es ist eine Tatsache, dass ein Großteil indischer Männer, aber auch Frauen, an eine natürliche Ungleichheit von Männern und Frauen glaubt. Die altindische, streng patriarchale Kultur, ging von diesem Denken aus, das bis heute herrscht. 

Das Indische Gesetz ist, anders als die Tradition, äußerst frauenfreundlich, so schreibt die indische Journalistin Shikha Dalmia: „If proclamations of such rights were enough, Indian women would be among the most liberated in the world. Indian law and constitutional traditions are something of a feminist’s dream. Women obtained full voting rights immediately after the country obtained independence from British rule in 1947. Three years later, India’s constitution was ratified, which University of Chicago Law Prof. Martha Nussbaum, a committed feminist, has dubbed “remarkably woman-friendly” and an example from which America could learn.”[2]

Der säkulare Staat Indien hat es nicht bei der durch die Verfassung garantierte Gleichheit von Männern und Frauen belassen. Seit der Unabhängigkeit hat der indische Staat eine Vielzahl von Gesetzen zum Wohl und zur Förderung von Frauen verabschiedet; zu nennen sind hier „Dowry Prohibition Act“ (Verbot der Mitgift, 1961), „Maternity Benefit Act (Mutterschutzgesetz, 1961), „Prohibition of Child Marriage Act“ (Verbot der Kinderheirat 2006), „Protection of Women from Domestic Violence Act“ (Gesetz gegen häusliche Gewalt, 2005), „Pre-conception and Pre-natal Diagnostic Techniques, Prohibition of Sex Selection Act (1994), der die Geschlechtsbestimmung des Ungeborenen und die Abtreibung weiblicher Föten verbietet. Von besonderer Bedeutung ist der “Protection of Women from Domestic Violence Act 2005/06 (PWDVA)”, der Frauen vor Vergewaltigung durch den Ehemann schützt: “The Act provides protection against marital rape or other forms of sexual perversions and domestic violence.”

Zu beklagen ist die gewaltige Kluft zwischen Gesetzgebung und Lebenswirklichkeit. Zahlreiche Traditionen, darunter das seit Jahrtausenden bestehende patriarchalische Konzept der Geschlechter, nach dem der Mann als Vater, Gatte und Sohn über Tochter, Frau und Mutter herrscht, aber auch das System der Kasten (jati: Herkunftsgemeinschaft, die Heirat, Essen, z. T. Beruf und Religion regelt) sind innerhalb weniger Jahrzehnte nicht abzuschaffen. Beide Systeme, das der Geschlechter und das der Kasten, beruht auf der in fast allen altindischen Texten als natürlich behaupteten Ungleichheiten. Ein großer Teil der indischen Bevölkerung orientiert sich an diesen Traditionen der Ungleichheit, lebt, vereinfacht gesagt, an den modernen liberalen Gesetzen vorbei, nimmt diese kaum zur Kenntnis oder ignoriert sie in einer Art passivem Widerstand. Der Staat ist machtlos, wie zwei Beispiele zeigen mögen: 1. Es besteht Schulpflicht, doch nicht alle Eltern schicken ihre Kinder in die Schule, weil diese das Vieh hüten oder die kleineren Geschwister beaufsichtigen müssen. Bestraft werden diese Eltern in der Regel nicht, auch, weil sie die Strafen gar nicht zahlen könnten. 2. Eine Frau kann sich leicht scheiden lassen und die Kinder können ihr zugesprochen werden. Dennoch verharren viele Frauen, erzogen zu Unterwerfung und Gehorsam, in schmerzhaften Ehen oder verzichten im Falle einer Scheidung auf die Kinder. Dem traditionellen Denken zufolge „gehören“ die Kinder dem Ehemann und seiner Familie. Dies bedeutet: Der Staat bietet seiner Bevölkerung moderne Gesetze an, sie zwingen, diese anzunehmen, kann er nicht. Der Staat kann Gesetze verschärfen, die Köpfe seiner Bürger kann er nicht verändern. 3. Die Mitgift ist seit Jahrzehnten verboten, doch Schätzungen gehen davon aus, dass 85-95% aller indischen Eltern (in Indien wie auch in den USA, Kanada und Großbritannien) ihre Töchter mit einer Mitgift ausstatten, die allerdings oftmals nicht "dowry" genannt, sondern als "presents", "Geschenke", deklariert wird. Die hohe Zahl bedeutet, dass auch Gebildete und Akademiker, also Juristen, Ärzte, Professoren die verbotene Praxis der Mitgift pflegen. Wen also soll der Staat bestrafen?

Dass es in Indien Gewalt gegen Mädchen und Frauen gibt, ist nicht erst seit dem 16.12.2012 bekannt: Der Fall der „Nirbhaya“ genannten jungen Frau, die an den Folgen der Vergewaltigung und Misshandlung durch sechs Männer starb, hat Indien, seine Öffentlichkeit, seine Medien, und letztlich auf öffentlichen Druck durch Demonstrationen und Proteste auch seine Politiker/innen nachhaltig aufgerüttelt und erschüttert.[3] Die indischen Medien, die zuvor Gewalt und Vergewaltigungen kaum thematisierten, berichteten pausenlos über den Fall und seine Rezeption. Die Demonstrationen und Protestaktionen rissen nicht ab; bemerkenswert war die Teilnahme junger und älterer Männer, die sich mit den Frauen solidarisierten. Der Zorn auf die Polizei, die oft untätig ist und wenn überhaupt, nachlässig und nur gegen Zahlung von Schmiergeldern, „speed-money“ genannt, ermittelt, war immens und hat sich bis heute nicht gelegt. Die Wut richtete sich auch gegen die Politiker, die sich zunächst weigerten, die Demonstranten und ihre Empörung wahr- und ernst zu nehmen.

Die öffentliche Wahrnehmung des Falles „Nirbhaya“ und seine Diskussion war immens. Von Beginn an gab es innerhalb Indiens (nicht jedoch außerhalb des Landes), vereinfacht gesagt, zwei Diskurse über die Ursachen der hohen Zahl von Gewalttätigkeiten gegenüber Frauen. Während viele gebildete Inder und Inderinnen, darunter Aktivistinnen und Feministinnen, die frauenfeindliche Tradition der mehr als drei Jahrtausende alten indischen Kultur verantwortlich machten, prangerten konservative Politiker/innen und Gurus, Heilige und Traditionalisten den Westen und die Moderne für die Missstände an: Globalisierung, „Westernisierung“ und Moderne, darunter das Internet und die zunehmende Liberalisierung und Pornographisierung, die Umdeutung der Sexualität und des Geschlechterverhältnisses in westlichem Sinne seien Schuld an der Gewalt. In diesem Kontext postulierten Religiöse und Konservative eine bestehende Zweiteilung der indischen Gesellschaft entlang der Tradition: Dort, wo „Bharat“ und seine alten traditionellen Werte existierten („Bharat“ ist die alte Eigenbezeichnung Indiens und so heißt die Indische Republik auch heute offiziell) fände man weder Frauenverachtung noch Gewalt, dort aber, wo durch westliche Einflüsse (Moden, Lebensstile, Kommunikationsmittel, Sprache etc.) „India“ sei („India“, "Indiae", "Indien" etc. sind die altpersischen, griechischen, lateinischen, britischen und westlichen Fremdbezeichnungen), herrsche Unterdrückung und Diskriminierung, von Fremden durch Individualisierung, Säkularisierung und Liberalisierung ins Land gebracht und der einheimischen Kultur übergestülpt wie der falsche Name „India“.

Eine nüchterne Betrachtung sine ira et studio muss zu dem Ergebnis führen, dass beide Diskurse Wahres und Falsches enthalten. Wäre allein die Tradition für die Missstände verantwortlich, dürfte es Gewalt und Vergewaltigungen in modernen säkularen Gesellschaften ohne starke Traditionen nicht geben. Dies ist jedoch nicht der Fall. Im Gegenteil: In westlichen, säkularen und (angeblich) aufgeklärten Gesellschaften ist die Zahl der Vergewaltigungen höher, und das selbst dann, wenn man für Indien eine hohe Dunkelziffer nicht angezeigter Fälle annimmt (zur Statistik s. u.). Die indische Tradition ist tatsächlich verantwortlich für eine hohe Präferenz von Söhnen gegenüber Töchtern und für eine allgemeine Hochschätzung des männlichen Geschlechts gegenüber dem weiblichen. Doch vor allem letzteres ist, und zwar bis heute, in allen patriarchalen Kulturen (und welche sind dies nicht?) der Fall und zwar (fast) überall auf der Welt. Und existiert nicht auch in vielen westlichen Ländern ein Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit?

Haben diejenigen indischen Traditionalisten und Fundamentalisten Recht, die den Westen und seine Kultur verantwortlich machen? Sind (auch) die Wirtschaft und der gesellschaftliche Wandel Schuld? Für den Zuwachs von Gewalt in einer Gesellschaft gibt es neben der patriarchalischen Tradition auch wirtschaftliche und soziale Ursachen. Indiens seit zwanzig Jahren wachsende (gerade abflauende) Wirtschaft und der daraus entstehende Wohlstand kommen nur wenigen zugute. Während die urbane Mittelschicht wohlhabender wird und sich einen finanziellen Überschuss sichern kann, der weit über die Befriedigung der Grundbedürfnisse hinausgeht und in Immobilien, Statussymbole und die Ausbildung der Kinder investiert wird, lebt ein großer Teil der Inder und Inderinnen (ich verzichte auf Zahlen, weil diese je nach Quelle sehr unterschiedlich und oft tendenziös sind) am Rande des Existenzminimums: Viele können gerade die Grundbedürfnisse, also Nahrung, Kleidung, Wohnung, bezahlen, und viele nicht einmal dies. Durch die Verarmung vieler bäuerlicher Familien werden arbeitslose Söhne zur Flucht in die Städte gezwungen, wo sie ohne Arbeit und ohne Zukunft in den immer größer werdenden Slums vegetieren, den Wohlstand der Wenigen wahrnehmen und die entstehende Frustration und Wut nicht selten in Gewalt verwandeln. Diese Lebensverhältnisse sind mitschuldig an der zunehmenden Gewalt innerhalb der Zivilgesellschaft.

Doch ist Gewalt gegen Frauen in Indien wirklich größer als in anderen Ländern? Die Statistiken zeigen das Gegenteil. In seinem Artikel „India’s Women: The Mixed Truth“[4] weist Amartya Sen darauf hin, dass laut dem United Nations Office on Drugs and Crime im Jahr 2010 in Indien 1.8 Vergewaltigungen auf 100,000 Einwohner kamen, in den USA 27.3, in Großbritannien 28,8. in Schweden 63.5 und in Südafrika 120.0. Dass die Zahl der nicht angezeigten Taten in Indien und die Dunkelziffer sehr viel höher sein müssen, ist klar, dennoch schreibt Sen: „The number of recorded rapes in India is certainly a substantial underestimate, but even if we take five times – or ten times – that figure, the corrected and enlarged estimates of rapes would still be substantially lower in India than in the USA, the UK, Sweden, or South Africa even with the assumption that there is no underreporting in these other countries.” (S. 24)[5]

In der ZEIT vom 12. 6. 2014, die fragte, was "mit dem indischen Mann los" sei, findet sich ein weiterer Artikel unter der Überschrift „Betatscht und bedrängt“, der berichtet, „jede 5. Studentin an US-Unis wird sexuell missbraucht. Lange wurde das ignoriert. Erst jetzt finden die Opfer Gehör.“ In den Vereinigten Staaten gibt es ähnliche Probleme wie in Indien: 1. Mädchen und Frauen werden von vielen Männern als „Freiwild“ betrachtet, weil diese Männer sich aufgrund ihres Geschlechts überlegen fühlen, 2. Die Opfer schämen sich: „Nur jedes 8. Opfer traut sich, die Tat bei der Universität oder der Polizei anzuzeigen“, so der Artikel, und 3. Die Universitätsverwaltungen und die Polizei unternimmt nichts oder zu wenig, die Gesetze seien zu lasch oder würden nicht angewendet.

Im April 2013 sind in Indien die Gesetze bei Vergewaltigung verschärft und die Strafen erhöht worden. Nach § 375 des Indian Penal Code stehen “both penile and non-penile insertion into bodily orifices of a woman by a man” unter Strafe. Weiter heißt es: “Acts like penetration by penis, or any object or any part of body to any extent, into the vagina, mouth, urethra or anus of a woman or making her to do so with another person or applying of mouth to sexual organs without the consent or will of the woman constitutes the offence of rape.” Vergewaltigung liegt nach diesem Gesetz auch vor, wenn eine Frau sich nicht wehren kann: „Lack of physical resistance is immaterial for constituting an offence. Except in certain aggravated situation the punishment will be imprisonment not less than seven years but which may extend to imprisonment for life, and shall also be liable to fine. In aggravated situations, punishment will be rigorous imprisonment for a term which shall not be less than ten years but which may extend to imprisonment for life, and shall also be liable to fine.”

Neu ist der Artikel 376A, demzufolge den Täter eine zwanzigjährige Haftstrafe oder sogar die Todesstrafe treffen kann: Wenn ein Täter "inflicts an injury which causes the death of the person or causes the person to be in a persistent vegetative state, he shall be punished with rigorous imprisonment for a term which shall not be less than twenty years, but which may extend to imprisonment for life, which shall mean the remainder of that person’s natural life, or with death.” Im Falle einer Gruppenvergewaltigung gilt: “Persons involved regardless of their gender shall be punished with rigorous imprisonment for a term which shall not be less than twenty years, but which may extend to life and shall pay compensation to the victim which shall be reasonable to meet the medical expenses and rehabilitation of the victim.”

Das Gesetz legt auch fest, dass die Zustimmung zum Geschlechtsverkehr erst ab dem Alter von 18 Jahren erfolgen kann, „which means any sexual activity irrespective of presence of consent with a woman below the age of 18 will constitute statutory rape.” Die drei erwachsenen Vergewaltiger "Nirbhayas" wurden zum Tode verurteilt, ein erwachsener Täter nahm sich im Gefängnis das Leben, der fünfte Täter wurde nach dem Jugendstrafrecht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Viele Fälle kommen nicht zur Anzeige, weil das Opfer nach traditionellem Verständnis „geschändet“ ist und seiner Familie Unehre zugefügt hat. Und wie soll ein vergewaltigtes Mädchen verheiratet werden? Daher machen indische Eltern oft einen „deal“ mit dem Täter, an dem auch die Polizei verdient: Der Täter oder seine Familie zahlen ein „Schweigegeld“ und die „Ehre“ des Mädchens ist gerettet.

Indien hat eine starke Zivilgesellschaft und mutige und entschlossene Aktivistinnen und Aktivisten und NGOs und eine wache Jugend, die fähig sind, die Probleme des Landes zu meistern. Die Frauen verstehen, dass sie sprechen und sich nicht für eine Vergewaltigung schämen müssen. Die Familien begreifen, dass die Vergewaltigung einer Tochter keine Schande bedeutet, sondern dass sie ihre Rechte einklagen, die Polizei rufen und auf Untersuchung drängen müssen. Polizisten werden bestraft, wenn sie die Fälle nicht aufnehmen und die Täter nicht verfolgen; Korruption kann nun leichter und effektiver angezeigt werden. Immer mehr junge, aber auch ältere Männer kämpfen auf Seiten der Frauen. Politik und Medien nehmen sich der Probleme an. Vieles weist also darauf hin, dass sich die Kluft zwischen der liberalen Gesetzgebung und der Lebenswirklichkeit langsam, aber sicher schließen wird.

Dennoch wird Indien seine Traditionen so schnell nicht aufgeben. Ein entscheidendes Element der Moderne und der Globalisierung ist das westliche Konzept des freien "Ich", also das Hervortreten des Individuums und seiner Bedürfnisse gegenüber dem Anderen, der Familie und Gemeinschaft und deren Forderungen; das westliche Ich ist Ego-zentrisch. Indien aber legt seit Jahrtausenden Wert auf die Unterordnung des Einzelnen unter die Forderungen der Ehe, Familie, Sippe und Kaste; das indische Ich ist Familien-zentrisch. Tradition und Identität sind in Indien derart stark verwoben und verflochten, dass die Aufgabe der Tradition, selbst wenn diese persönliche Nachteile und Kummer bringt, meist als Identitätsverlust empfunden wird. Die Lösung von der Tradition, die das Leben des Einzelnen und der Gruppe bestimmt und ordnet, bewirkt die soziale Isolation des Individuums und in  ihm ein Vakuum, das schwer zu füllen ist. Deshalb halten die allermeisten Inder, trotz Verwendung westlich-moderner Utensilien und Spielzeuge (sie essen Burger, benutzen Handys, tragen Jeans), letztendlich an den Traditionen, also an Kaste, arrangierter Ehe, Mitgift, Hierarchie der Geschlechter usw. fest, zumal wenn es um die "Dinge des Lebens" geht, die die gesamte Familie betreffen. Die Gesetzgeber mag das frustieren, westlich orientierte, "moderne" Inder mag es erzürnen, westliche Beobachter mag es erstaunen, doch ändern kann es niemand. Vielleicht die Zeit.

 

 



[1] Am 18.6.2014 um 16.32 Uhr lebten bei einer Gesamtbevölkerung von 1.290.775.703 Menschen 666.461.575 Knaben und Männer in Indien. Die männliche Bevölkerung macht 51.6 % aus, ein Hinweis auf einen Frauenmangel, der das Ergebnis der hohen Zahl von Abtreibungen weiblicher Föten ist. Siehe countrymeters.info/de/india

[2] Shikha Dalmia: „Feminism Can`t Cure India`s Rape Epedemic” in: Reasons.com.

[3] Siehe meinen Artikel „Nirbhaya: Symbol und Wendepunkt“ (Artikel 2) auf meiner Seite www.renate-syed.de

[4] In: The New York Review of Books, 10. Oktober 2013.

[5] Dieses Ergebnis zeigt zum einen, dass die westlichen Übertreibungen und Dämonisierung Indiens ungerechtfertigt sind, zum anderen, dass derartige Interpretationen von Statistiken angesichts der tatsächlich ausgeübten und erlittenen Gewalt sinnlos sind: die wirklichen Zahlen kennt niemand.

 

 

 

 

  

 

 

Mishima Yukio

Arthur Schopenhauer