Artikel 2: Indien: Der Fall "Nirbhaya", Symbol und Wendepunkt

Indien: Der Fall „Nirbhaya“, Symbol und Wendepunkt

Von Renate Syed

 

Die Vergewaltigung einer 23-jährigen Inderin am 16.12. des vergangenen Jahres und ihr Tod dreizehn Tage später lösten in Indien wochenlange Proteste und Demonstrationen und in der indischen Presse eine intensive Berichterstattung aus. Auch außerhalb Indiens, darunter in Deutschland, beherrschte das Thema bis Ende Januar die Medien.[1]

Der Prozess gegen fünf der sechs mutmaßlichen Täter begann Anfang Januar, der sechste wird als Jugendlicher einen eigenen Prozess erhalten. Wenn das Urteil fällt, wird das Interesse in Indien wie außerhalb noch einmal erwachen. Diese Zeit der relativen Stille – auch in Indien hat sich die Berichterstattung beruhigt – regt zum Nachdenken an.

Warum hat diese Untat, die in Indien kein Einzelfall ist, dort einen derartigen Protest hervorgerufen? Ist das Verfahren gegen die mutmaßlichen Täter rechtsstaatlich und fair und wird sich in Indien nach dem Urteil etwas ändern? Worin unterscheiden sich die Sichtweisen Indiens und Deutschlands? Warum hat der Westen, in dem es ebenfalls Gewalt, Vergewaltigung und vergleichbare Verbrechen gibt, so stark auf den Vorfall reagiert?

Der Fall der 23jährigen Medizinstudentin, deren Name nach indischem Recht nicht genannt werden darf und die von der indischen Öffentlichkeit als „Nirbhaya“, die „Furchtlose“ , bezeichnet wird, war jener Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Zufälligkeit (jede Frau hätte das Opfer sein können), die ungeheure Brutalität (das Opfer wurde mehrere Stunden lang vergewaltigt und misshandelt), der Mut, mit dem Nirbhaya gegen ihre Vergewaltiger und im Krankenhaus um ihr Leben kämpfte, ihr Tod, das lange Schweigen der Politiker, die sich nur äußerten, um Versammlungsverbote zu erlassen, die Aggression der (sonst nachlässigen) Polizei, die mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vorging, aber auch die vielen unangemessenen Äußerungen verschiedener Persönlichkeiten (s. u.) führten zu Protesten, die von Tag zu Tag wuchsen, an Umfang wie an Wut.

Der Fall zeigte einmal mehr, dass Frauen in Indien und der Hauptstadt Delhi, deren Polizei als selbstherrlich, korrupt und ermittlungsunwillig gilt, nicht sicher sind. Die junge Frau war nicht allein, sondern in Begleitung eines Freundes, der ebenfalls misshandelt wurde. Es war nicht mitten in der Nacht, sondern am Abend, es geschah nicht in einem schummrigen Viertel, sondern in einer zivilen Vorstadtgegend, in der die Mittelschicht einkauft, ins Kino geht und speist. Viele junge Inderinnen und Inder konnten sich mit der Medizinstudentin identifizieren, die versuchte, mit Fleiß ihre ärmliche Herkunft zu überwinden. Dass ihr Begleiter später berichtete, die Polizei habe nur zögerlich geholfen, stachelte den Unmut weiter an, denn die Untätigkeit und Korruption der Polizei, die in Delhi hauptsächlich mit dem Schutz der Politiker und Prominenz beschäftigt ist, wird seit langem beklagt. Um Ermittlungen in Gang zu bringen, muss man in der Regel ein so genanntes „speed money“ zahlen; kommt es überhaupt zu einem Verfahren, wird dieses von Polizei und Gerichten oft jahrelang verschleppt.[2] Diese alltäglich erlebte Schlamperei und der Umstand, dass Verfahren durch Zahlungen der Beschuldigten an Polizei und Opfer eingestellt werden, führte zu der Forderung der Demonstranten und weiten Teilen der Öffentlichkeit, Vergewaltigungen sollten in Schnellverfahren behandelt und die Strafen verschärft werden; die Forderung nach der Todesstrafe war allenthalben zu hören, darunter von der Familie Nirbhayas. Die fünf mutmaßlichen Täter müssen mit der Todesstrafe rechnen, weil sie nicht allein der Vergewaltigung, des Raubes, der Entführung und der Planung einer Straftat, sondern auch des Mordes beschuldigt werden; Mord kann nach § 302 des Indischen Strafgesetzes mit dem Tod bestraft werden. Manche Richter und Anwälte haben aber darauf verwiesen, dass die Todesstrafe in den meisten Demokratien abgeschafft und auch in Indien aufzugeben sei.[3]

Die Frage, ob das laufende Verfahren rechtsstaatlich verläuft, kann bejaht werden, auch wenn die Verteidiger dies anzweifeln. Es vollzieht sich mit hoher Transparenz unter Beobachtung der Öffentlichkeit und der Presse, die täglich berichtet; erkennbar ist die Anstrengung der Staatsanwälte und des Gerichts, Verfahrensfehler zu vermeiden und die allzeit präsente, erzürnte Öffentlichkeit, die „swifter justice, stricter punishment“ fordert, nicht durch Verschleppung zu verärgern. Das Urteil wird ein Zeichen setzen, sei es, dass es in der Todesstrafe besteht oder in einer lebenslangen Haftstrafe. Etwas anderes ist kaum zu erwarten, da Indizien und Beweise eindeutig sind.[4]

In den online-Ausgaben der Times of India und der Hindustan Times liest man derweil von weiteren Vergewaltigungen, von Mord und Totschlag. Und dennoch wird der Fall „Nirbhaya“, so kann man vorsichtig optimistisch vermuten, etwas ändern. Die Öffentlichkeit wird wachsamer und unerbittlicher sein, Polizei und Gerichte werden unter Beobachtung der Frauenrechtlerinnen, Aktivistinnen und NGOs besser ermitteln und verfahren müssen, Vergewaltiger haben mit Schnellgerichten und härteren Strafen zu rechnen, und die Parteien, dies ist erkennbar, nehmen sich angesichts kommender Wahlen der Themen „sexuelle Gewalt“, „Sicherheit der Frauen“ und „Reformierung der Polizei“ an. Vielleicht, so hoffen viele Inderinnen und Inder, führt der Fall dazu, dass sexuelle Gewalt in der Öffentlichkeit, in Familien und Schulen endlich erörtert wird; Mädchen und junge Frauen müssten zur Entwicklung von Wachheit und Selbstbewusstsein angeleitet werden und lernen, sich zur Wehr zu setzen. Bis jetzt ist das Thema, wie alles, was mit Sexualität zu tun hat, von Scham besetzt und mit Schweigen verdeckt, die Opfer gelten als „geschändet“ und sind stigmatisiert, können als „Versehrte“ nicht mehr verheiratet werden und finden meist nicht mehr ins Leben zurück: „A woman victim of this kind can be counted neither among the dead nor the living … Even if she survives, she will live as a jeevit laash, a living dead”, sagte die Oppositionspolitikerin Sushma Swaraj, die strengere Gesetze für Vergewaltigung forderte.[5]

Im westlichen wie im indischen Diskurs wird häufig die frauenfeindliche Tradition Indiens für die Gewalt gegen Frauen und Mädchen verantwortlich gemacht und dies nicht zu Unrecht. Die Leugnung der Bedeutung der Tradition für das moderne Indien zeugt von Unkenntnis. Doch die Tradition allein kann es nicht sein: Gewalt gegen Kinder und Frauen gab und gibt es in allen Kulturen und zu allen Zeiten und eben auch in unserer „modernen“ und „aufgeklärten“ westlichen Kultur bis heute (s. u.); es gibt ein allerorten ähnliches Muster sexueller Gewalt, weltweit sind die Täter fast ausschließlich männlich und die Opfer überwiegend weiblich, so dass man bei nüchterner Betrachtung von einer vorkulturellen und transkulturellen Konstante männlicher Gewalt ausgehen muss, die selbst durch Religion und weltliche Gerichtsbarkeit nicht immer zu bändigen ist. (Dies sei geäußert, obwohl diese Ansicht politisch nicht korrekt und gesellschaftspolitisch nicht opportun ist, da sie die Utopie einer zukünftigen gewaltfreien Gesellschaft zerstört.)

In der innerindischen Diskussion des Falles „Nirbhaya“ waren zahlreiche Stimmen zu hören, die gerade nicht die indische Tradition, sondern den westlichen Einfluss für Unmoral und Gewalt verantwortlich macht. So sagte Mohan Bhagwat, Politiker der konservativen Partei RSS, Vergewaltigungen gäbe es nur in „India“, nicht aber in „Bharat“. „India“ und „Indien“ sind ebenso ausländische Fremdbezeichnungen wie „Hindu“ und stehen in diesem Bild für das (als negativ und schädlich verstandene) verwestlichte moderne Indien. „Bharat“ ist die traditionelle und heutige Eigenbezeichnung für das hinduistische Land und seine Kultur, Bharat steht für indische Tradition, für Wert und Anstand. In der Sichtweise konservativer Hindus ist die einheimische Kultur im Gegensatz zur westlichen Kultur von Frauenachtung und -verehrung bestimmt, vorausgesetzt, Mädchen und Frauen verhalten sich ehrbar, keusch und gehorsam. Die vergewaltigte Nirbhaya aber verhielt sich nach konservativem Verständnis nicht ehrbar und nicht keusch. Vibha Rao, „Chattisgarh State Women Commission Chairperson“, eine Frau, äußerte, Frauen wie Nirbhaya seien selbst schuld, da sie sich unzüchtig kleideten, und der Politiker Kailash Vijayvargiya, Angehöriger des Parlaments von Madhya Pradesh, verstieg sich zu der Aussage, „Nirbhaya“ habe die so genannte „Linie der Keuschheit“, auf Hindi „Lakshmanrekha“ überschritten und sich damit über den Frauen zugedachten Raum hinaus bewegt. Hierbei bezog er sich auf den im populären Epos Ramayana erzählten Mythos, demzufolge die Heldin Sita nur deshalb von einem Unhold entführt werden konnte, weil sie jene von ihrem Schwager Lakshmana in die Erde gezeichnete Linie übertrat, die ihr Schutzraum sein sollte (und gleichzeitig ihr Gefängnis war). Und der "Heilige" Guru Asaram Bapu war der Ansicht, das Mädchen Nirbhaya hätte vor und während der Vergewaltigung um Gnade bitten, ein Gebet sprechen und die Täter als „Brüder“ ansprechen sollen, diese hätten dann von ihr als „Schwester“ abgelassen. Die zitierten Aussagen erregten in Indien Zorn, Hohn und Protest in Öffentlichkeit und Medien, sie zeigen aber, wie stark das traditionelle und patriarchale Denken noch herrscht. Ansichten, die das Opfer beschuldigen und verantwortlich machen, sind auch bei uns nicht unbekannt, allerdings werden sie nicht laut geäußert wie in Indien. Hier wie dort unterstellt man oft, die Frau habe den Täter „herausgefordert“.

Indien, die größte Demokratie der Welt, ist scheinbar wirtschaftlich erfolgreich (die Wirtschaft schwächelt z. Z. und der Kurs der Rupie fällt beständig), die Städte geben sich zumindest in den Zentren modern, die urbane Bevölkerung scheint westlich orientiert. Der Tourist, der in den Städten Englisch sprechende Inderinnen und Inder trifft, lernt ein scheinbar (nicht tatsächlich) modernes Indien kennen, eben „India“. Was der Fremde  nicht kennenlernt, ist, um bei dem fragwürdigen Bild zu bleiben, „Bharat“, das traditionelle Indien, das an der „Modernization“ und „Westernization“ keinen Anteil hat und, das wird oft übersehen, vielmals nicht haben will.  Eines der westlichen Missverständnisse besteht in dem Glauben, die Dorfbevölkerung denke und lebe traditionell, sei also rückständig, die Ober- und die Mittelschicht aber modern, sprich jenseits der Tradition. Tatsächlich ist ein großer Teil der gebildeten Mittelschicht und auch der Reichen „konservativ“, was bedeutet, nach den Vorgaben der Hindu-Religion, den Vorstellungen von Wiedergeburt und Tatvergeltung, nach strengen Speise- und Heiratsgeboten, den Gesetzen der Kaste zu leben und eine hierarchische Geschlechtertrennung zu akzeptieren. Häufig leben sehr gebildete Inderinnen und Inder, selbst ProfessorInnen, ÄrztInnen und AnwältInnen, „traditionell“ und betrachtet die indische Kultur als primäre Quelle der Identität. Eine Hochschullehrerin mag Jeans tragen, Cola trinken und europäische Literatur lesen, doch ihre Töchter verheiratet sie unter Beigabe der gesetzlich verbotenen Mitgift an einen geeigneten Mann, und zwar entsprechend der uralten Gesetze des juristisch nicht relevanten Kastensystems. Von einer oberflächlichen äußeren „Modernität“ auf innere „Modernität“ zu schließen, ist ein Fehler; in scheinbarem "India" verbirgt sich viel, sehr viel "Bharat". Inder lieben westliche Konsumgüter, nicht aber westliche "Werte". Und die Frage wäre, welche Lebensformen und Glaubensinhalten die Traditionen Indiens ersetzen sollten. Westliches Denken und Leben?

Westliches Leben und Denken ist für viele Gebildete und Intellektuelle in Indien keine Option. Während westliche Wissenschaftler und Journalisten, Touristen und andere Besucher indische „Missstände“ geisseln, kritisieren Inder und indische Medien (und viele Bekannte in persönlichen Gesprächen) westliche Lebensformen. Die hohen Scheidungsraten, die Auflösung der Familien und das Fehlen der Mehr-Generationen-Familie, die vielen Alleinerziehenden, Kinder ohne Väter, Untreue und serielle Monogamie, sexuelle Libertinage und Pornographie, Homosexualität und Homo-Ehe samt Adoptionsmöglichkeit, ein Individualismus-Konzept, das im familienbewussten indischen Denken ("Du bist wenig, die Familie ist alles!") als Egomanie begriffen wird, vor allem aber das Abschieben alter Menschen in Heime, sind aus Sicht vieler Inder westliche „Missstände“, die Verachtung hervorrufen. Vereinfacht kann man sagen, dass die bis in die 80er Jahre geltende Vorbildfunktion der USA und Europas ausgedient hat, nach Jahren wirtschaftlichen Wachstums und des intensiven Werbens westlicher Firmen, die Indien als attraktiven Markt ansehen, ist das Selbstbewusstsein im Land gewachsen und dies aus indischer Sicht nicht trotz sondern wegen des Festhaltens an der eigenen Sicht der Dinge und der einheimischen Tradition. In Zeiten der Globalisierung bekennt sich ein Großteil der Inder, wie an Parteien wie der BJP und des RSS zu sehen ist, zunehmend zu den eigenen Wurzeln und Werten. Die populäre Kultur Indiens, so die Bollywood-Filme, das Fernsehen und die Comic-Industrie, die allesamt Themen der indischen Mythologie aufgreifen und Helden und Heldinnen indischer Epen inszenieren, verfestigen dabei die Tradition und liefern klassische Identifikationsfiguren: unterwürfige Frauen und keusche Gattinnen, harte Männer und brutale Polizisten. Bollywood produziert die uralten Konzepte von autonomer Männlichkeit, abhängiger Weiblichkeit, treuer Frauen und selbstherrlicher Männer, immer aufs Neue; in vielen Filmen gibt es mehr oder weniger offene Vergewaltigungsszenen, die vom männlichen Publikum mit johlendem Beifall aufgenommen werden. Es galt und gilt: Die Sexualität der Frauen, die Frauen selbst  "gehören" den Männern. Der altindische Gesetzgeber Manu sagte vor bald zweitausend Jahren in seinem Rechtsbuch, in der Jugend habe die Frau sich dem Vater, in der Lebensmitte dem Gatten und im Alter ihren Söhnen zu unterwerfen, und für einen sehr großen Teil der Inderinnen und Inder ist diese Verfügungsgewalt über die Frau, ihren Körper und ihr Denken bis heute gelebte Wirklichkeit.

Gesetze kann man ändern und verschärfen, was man nur sehr, sehr langsam verändern kann, sind die Köpfe. Die Gesetze Indiens sind ausreichend, was sich ändern muss, sagen Inder und Inderinnen immer wieder, ist das Denken.

Nach der Vergewaltigung der Studentin „Nirbhaya“ wurde das Sexualstrafrecht verschärft. Fällt ein Opfer ins Koma oder stirbt es, kann der Vergewaltiger mit dem Tod bestraft werden, die Mindeststrafe für Gruppenvergewaltigung steigt von bisher zehn Jahren auf zwanzig Jahre. Das sind die ernsten Folgen.[6] Weniger ernst zu nehmen sind die Vorschläge des BJP-Politikers Banwari Lal Singh, die Röcke der Schuluniformen durch Hosen zu ersetzen, „to keep girls away from the lustful gazes“, oder die Anregung der Schauspielerin Prachi Desai, Knaben und jungen Männern den Aufenthalt in der Öffentlichkeit nach 21 Uhr zu verbieten, „until they improve as humans“. Und ob sich die Erfindung einer aggressiven Unterwäsche (mit Gift präparierte Slips und "explodierende BHs" - wie jüngst in Indien vorgestellt) als Waffe durchsetzen wird, ist fraglich.

Indien und China stellen ein Drittel der Weltbevölkerung; bald wird Indiens Bevölkerung diejenige Chinas  übertreffen. Aber nicht nur quantitativ, auch qualitativ hat Indien viel zu bieten. In Indien heißt es oft selbstbewusst: „China ist die Fabrik (oder die Werkhalle) der Welt, Indien ihr Computer (oder ihr Hirn).“ Indien ist in der Lage, seine Probleme zu lösen, auch wenn dies vielen Inderinnen und Indern zu langsam geht. Eine mutige Zivilgesellschaft und eine wache, hervorragend ausgebildete Jugend, AktivistInnen und NGOs sowie eine freie und unabhängige Presse sind Indiens Garanten für eine bessere Zukunft. Westliche Belehrung und Besserwisserei, vor allem eurozentrische Übertreibungen sind nicht vonnöten. Geradezu albern und in den Proportionen vollkommen verzerrt sind Titel wie: "Indien ermordet seine Frauen" ("Die Zeit", 21. März 2013) und "Der Frauenmord" (Die Zeit, 2/2013). Wir sollten nicht vergessen, dass Indiens Bevölkerung beinahe 1,3 Milliarden beträgt.

Das hohe Interesse am Fall "Nirbhaya" außerhalb Indiens, darunter auch in Deutschland, ist sicher der täglichen mehrfachen Kommentierung des Falles in allen indischen Medien, in Presse, Fernsehen und Internet, geschuldet. Hinzu kommt die deutsche Variante des Entsetzens über Indien. In Deutschland besteht seit der Romantik, also seit etwa 200 Jahren, ein idealisiertes, verklärtes Bild Indiens als eines Ortes der Spiritualität, der Philosophie und des Yoga, der Gurus, des Ayurveda und der Wellness. Ich hörte oft die Frage: Wie kann es im Land Gandhis und der Gewaltlosigkeit, in der Heimat des Vegetarismus und der Suche nach Erkenntnis und Erlösung zu derartigen Exzessen kommen? Indien, das sich selbst seit Jahren mit dem Slogan „Incredible India!“ rühmt, um Touristen ins Land zu locken, war nun tatsächlich „unglaublich“ geworden.

Eine Antwort kann lauten: In einem Land mit einer Bevölkerung von beinahe 1,3 Milliarden Menschen gibt es eben alles, was denkbar ist und leider auch alles, was es bei uns gibt. So berichtet die Münchner Presse am Dienstag, den 19. Februar 2013, von einem „Schock-Verbrechen in München“. „Stachus: 16-jährige in Sexfalle gelockt: Mädchen von ganzer Clique vergewaltigt.“ „Acht Jugendliche missbrauchen Mädchen (16): Das Martyrium dauert zwei Stunden“. [7] Besonders bemerkenswert ist: „Der Fall wurde am Montag Vormittag nur zufällig wegen einer internen Absprache-Panne (bei der Polizei, R. S.) bekannt. Erst nach massivem öffentlichem Druck wurde mittags eine stark abgeschwächte Version des ursprünglich vorgesehenen Presseberichts von der Staatsanwaltschaft München I freigegeben.“[8] Die Erklärung für das versuchte Verschweigen der Tat vor Presse und Öffentlichkeit lautet: „Wenn Jugendliche straffällig werden oder Opfer einer derart massiven Tat werden, erfährt die Öffentlichkeit nur äußerst selten etwas davon. Als Begründung dafür macht Staatsanwalt Peter Preuß „den besonderen Schutz geltend, den minderjährige Opfer und Täter genießen.“ “(So die TZ)  

Dies bedeutet, dass der deutsche Bürger zahlreiche Schrecknisse in seiner Heimat überhaupt nicht erfährt und vielleicht deshalb so ungläubig nach „Indien“ blickt, wo die Bürger zumindest umfassend informiert werden.

Ein Blick vor die Haustür genügt zur Sichtung des Unglaublichen.

 

München, 20. Februar 2012

 

Nachtrag, 4.9.2013: Inzwischen ist einer der fünf erwachsenen mutmaßlichen Täter im Gefängnis gestorben, ob durch Selbstmord oder durch Gewalt anderer Gefangener bleibt unklar. Der jugendliche Täter wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er zur Tatzeit erst 17 Jahre alt war. Dieses Urteil hat starke Proteste hervorgerufen; die Mutter des Opfers "Nirbhaya" will in Berufung gehen und fordert die Todesstrafe. Die Urteile der vier anderen Angeklagten stehen im September an.

Und die Gewalt hört leider nicht auf: In den vergangenen Monaten sind in Indien zahlreiche weitere schwere Vergewaltigungsfälle, auch Gruppenvergewaltigungen und Misshandlungen von Kindern geschehen.  



[1] Die Autorin hat u.a. im Münchner Merkur vom 16. Januar zu dem Thema Stellung genommen.

 [2]

 Oft drängen Beschuldigte und/oder die Polizei das Opfer, die Anklage zurückzuziehen; erstere zahlen oft Geld an das Opfer, seine Familie und die Polizei. Mutmaßliche Täter mit Beziehungen kommen auf Kaution frei oder lassen die Anklage mit Staranwälten niederschlagen.

[3] So Justice Karpaga Vinayagam. Der Richter S. Prabhakaran verwies darauf, dass die Todesstrafe für Vergewaltigung zukünftige Täter dazu verleiten könnte, ihre Opfer zu töten. Lebenslange Haft ohne Aussicht auf Entlassung sei eine angemessene Bestrafung.

[4] Die mutmaßlichen Täter wurden von Nirbhaya vom Krankenbett aus identifiziert, ebenso von ihrem Freund. An den Kleidern der Männer fanden sich DNA-Spuren der Opfer, in ihrem Besitz gestohlene Gegenstände der beiden. Dass sie nach anfänglichen Geständnissen nun auf Rat ihrer Anwälte auf „Unschuldig“ plädiert haben, ist verständlich, wird aber kaum erfolgreich sein.

[5] Auch bei uns galt bis vor nicht allzu langer Zeit das Opfer eines Missbrauchs oder einer Vergewaltigung als „geschändet“, d. h. als beschädigt, entweiht, zerstört.

[6] Die Legislative funktioniert im demokratischen Rechtsstaat Indien (soweit man dies als Außenstehende beurteilen kann) durchaus, die Gesetze sind liberal, die Strafen ausreichend, würde sie konsequent angewendet. Vorsichtig formuliert und vereinfacht gesagt, sind es die Exekutive und die Judikative, d. h. Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte, die oft nicht ordentlich arbeiten.

         [7] Siehe TZ und AZ, beide München, vom 19.2.2013.         

         [8] So die TZ auf S. 3.  

 

  

 

 

Mishima Yukio

Arthur Schopenhauer